Nach der Biscaya biegen die meisten Segler schnurstracks nach A Coruña ab. Wir nicht. Unser Ziel hieß Ferrol – und da liefen wir am Mittag des 11. August ein. Die Einfahrt? Traumhaft. Ein Fjord, wie aus dem Bilderbuch. Und als hätte der Himmel auf uns gewartet, riss genau in diesem Moment der dicke, graue Seenebel auf, der uns zuvor alles mehrere Stunden lang verhüllt hatte. Plötzlich lagen die Festung und die grünen Hänge vor uns, fast wie in einer Filmszene. ✨
Ferrol selbst dagegen … sagen wir so: nicht unbedingt die Stadt, die man zweimal besuchen muss. Am Hafen war man mit uns ein bisschen überfordert – null Englisch, keine Ahnung von Auskünften. Aber gut, wir sind ja Segler, wir kommen auch so klar.


Am 13. August ging’s für uns weiter nach A Coruña – das Ziel, auf das die meisten nach der Biscaya zusteuern. Es war nur ein kurzes Stück. Der Hafen lag herrlich praktisch direkt an der Stadt, und zu unserer Überraschung war er fast leer. Kein Stress, kein Suchen, einfach anlegen, Leinen fest, fertig.
Und dann lag uns die Stadt zu Füßen: kleine Gassen, in denen man sich treiben lassen konnte, Cafés, in denen der Wein schon mittags verlockend zwinkert, und ein entspanntes Flair, das sofort zum Bleiben einlädt. 🍷
Und abends gab es musikalische Unterhaltung im Rahmen eines kleinen Festivals zu Ehren von María Pita. Sie gilt als Heldin, da sie 1589 A Coruña gegen den Angriff der Engländer verteidigte.
Ein nettes Städtchen, in dem man gerne auch ein paar Tage verweilt.

Nächstes Ziel: Fisterra – das sagenumwobene „Ende der Welt“, wie die Römer glaubten. Unterwegs ankerten wir in zwei traumhaften Buchten, bei Corme und Camariñas. Und in Camariñas bekamen wir ein Schauspiel, das Disney nicht besser hätte inszenieren können: Jeden Nachmittag kamen Delfine in die Bucht, um gemeinsam Jagd zu machen. 🐬 Ein total schöner Anblick, der unser Herz mit Freude erfüllte.


In Fisterra fanden wir einen kleinen Hafen mit kostenlosen Liegeplätzen – seltenes Glück! Der Ort selbst war ok, aber der wahre Schatz lag oben am Cap Finisterre. Ein Fußmarsch von einer Stunde führte uns hinauf. Die Aussicht? Atemberaubend. Auch wenn dort oben schon die halbe Welt stand – dieser Blick ins Unendliche – einfach grandios. Der Name „Cap Finisterre“ kommt vom Lateinischen “Finis Terrae” – das Ende der Welt. Für die Römer war das damals das Ende der bekannten Welt.

Unser nächster größerer Stopp: Vigo. Endlich! Nach Tagen des Dahintreibens kam auf den letzten Meilen richtig Wind auf – wir rauschten mit 8 Knoten fast in den Hafen. Endorphine pur. Leider hatten wir uns den falschen Hafen ausgesucht: teuer, nicht zentral. Aber hey – wir hatten ja unsere Fahrräder. 🚲
Am Tag der Weiterreise, dann die Info vom Hafenmeister: Am Vortag vier Orca-Angriffe in der Gegend. Ähm … danke. Bis dahin hatte ich das Thema locker abgetan, aber plötzlich, mit dem eigenen Boot unterwegs, bekommt so eine Nachricht ein ganz anderes Gewicht. Seit 2020 gehen die Orcas nämlich an die Ruderblätter von Segelbooten – bisher „nur“ in Galicien, Cádiz und Gibraltar. Beruhigend immerhin: Die Menschen lassen sie in Ruhe. Warum sie das tun ist bisher ein Rätsel. Es gibt lediglich Vermutungen.
Am 23. August setzten wir Kurs Süden. Wie so oft: kein Wind, ein stiller, spiegelglatter Ozean – fast unheimlich in seiner Ruhe. Wir blieben dicht an der Küste, sicher ist sicher wegen der Orcas. Ein Stopp in A Guarda: kleine Muringbojen, kleiner Ort, aber mit Flair. Und ein Detail zum Schmunzeln – dort waren einige Bäume mit gehäkelten Mänteln eingekleidet. Offenbar ist den Bäumchen schnell kalt. 🌳🧶
Am Sonntag dann: Viana do Castelo, Portugal. Ein neues Land, ein neues Kapitel.
Reisegedanken-To-Go:
Manchmal zeigt uns das Meer seine wilde Seite – wie die Orcas, die seit ein paar Jahren Boote ins Visier nehmen. Erst klingt es nach einer kuriosen Geschichte, dann sitzt du selbst am Steuer und spürst plötzlich, wie nah Angst und Ehrfurcht beieinanderliegen. Da draußen sind Wesen, die stärker, schneller und urtümlicher sind als wir.
Aber genau darum geht es auf Reisen: nicht alles kontrollieren zu können. Respekt haben, die Natur ernst nehmen – und trotzdem weitergehen. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus Vertrauen. Denn wenn wir warten, bis alle Gefahren verschwinden, bleiben wir für immer im Hafen...
Die Orcas erinnern mich daran: Das Leben ist kein sicherer Hafen. Es ist ein Ozean. Und er will, dass wir ihm begegnen – mit Herzklopfen, mit Demut und mit dem Mut, weiterzusegeln.