Am 20. Februar 2026 kamen wir in Terre-de-Haut an – mit an Bord: ein französisches Pärchen, das von Dominica nach Guadeloupe wollte. Wie so oft mussten wir allerdings unser ursprünglich geplantes Ziel verändern, weil einfach mal wieder Wind und Welle etwas anderes geplant hatten. Die zwei haben es recht entspannt hingenommen. Also liefen wir Terre-de-Haut an.
Terre-de-Haut empfing uns mit diesem besonderen Inselgefühl, das irgendwo zwischen Postkartenidylle, salziger Luft und „Ach komm, wir bleiben einfach noch ein bisschen“ liegt.

Am nächsten Tag machten wir uns auf zu einer Tagestour über die Insel — stilecht mit einem Elektroauto. Man könnte auch sagen: Wir rauschten nahezu lautlos durch die tropische Kulisse, wie sehr entspannte Entdecker mit Ladekabel.
Die Insel zeigte sich von ihrer schönsten Seite: kleine Straßen, Strände, Aussichtspunkte und immer wieder dieses Wasser, das so blau war, dass man kurz prüfen wollte, ob jemand heimlich die Farbsättigung hochgedreht hatte.



Natürlich durfte auch Fort Napoléon nicht fehlen. Ein Ort, der Geschichte, Aussicht und ein bisschen „Wir tun jetzt mal so, als wären wir kulturell sehr gebildet“ wunderbar miteinander verbindet. Danach ging es noch hinauf auf den „Berg“ — wobei „Berg“ (Le Chameau 304m) auf einer Insel ja immer ein dehnbarer Begriff ist. Für die Beine fühlte es sich jedenfalls kurz nach Himalaya an, für die Aussicht war es absolut jede Mühe wert.
Am Abend ließen wir den Tag gemeinsam im Restaurant ausklingen. Es war einer dieser Abende, an denen man merkt, dass Reisen nicht nur aus Orten besteht, sondern vor allem aus Begegnungen. Gutes Essen, Gespräche, Lachen — und dieses angenehme Gefühl, dass man für einen Moment genau dort ist, wo man sein soll.

Danach gingen die beiden schließlich schon von Bord. So ist das auf See: Menschen kommen, teilen ein Stück Weg, bringen Geschichten mit — und irgendwann winkt man ihnen hinterher, während das eigene Boot wieder ein bisschen ruhiger wird.
Für uns ging es weiter in die Marigot Bay. Und dort wurde es dann tatsächlich ruhiger. Viel ruhiger als vorne, wo mehr Bewegung, mehr Betrieb herrschte. Marigot Bay hingegen hatte etwas Sanfteres. Eine schöne Bucht, stiller, geschützter.

Und dann waren da die Schildkröten. Ganz viele Schildkröten.
Diese wunderbaren, uralten, vollkommen tiefenentspannten Wesen, die durchs Wasser gleiten, als hätten sie das Konzept von Stress nie kennengelernt. Den ganzen Tag über konnten wir welche bestaunen.
Beim Schnorcheln wurde es dann noch besser: Ich sah einen großen Fisch gerade wegschwimmen. Nicht einfach „ein Fisch“, sondern einer von der Sorte, bei der man unter Wasser kurz innehält und denkt: „Okay. Du wohnst hier. Ich bin nur zu Besuch.“
Es sind genau solche Momente, die sich einbrennen — nicht laut, nicht spektakulär im klassischen Sinne, aber magisch auf diese leise, salzige Art.
Am 26. Februar fuhren wir weiter zur Hauptinsel.
Die Fahrt dorthin war, sagen wir mal, eher charakterbildend.
Nicht unbedingt die Sorte Segeltörn, bei der man verträumt am Bug steht und sich fühlt wie in einem Werbefilm für Freiheit. Es war wellig, windig und insgesamt mehr „Bitte bald ankommen“ als „Oh, wie wunderschön ist das denn“. Zum Glück war die Strecke nicht allzu lang.
Manchmal ist das beste an einer Überfahrt eben nicht die Überfahrt, sondern der Moment, in dem sie vorbei ist.

Wir nahmen eine Mooringboje und waren froh, erstmal festzumachen. Das Wetter blieb weiterhin durchwachsen. Die See war unruhig, und jede Fahrt mit dem Dinghi hatte diesen kleinen Überraschungseffekt: Man wusste nie genau, ob man nur von A nach B fahren oder unterwegs gleich kostenlos duschen würde. Meistens wurde es Letzteres. Trocken ankommen war eher ein theoretisches Konzept.
Einmal fuhren wir mit dem Dinghi durch den Fluss, der die zwei „Flügel“ der Insel trennt. Das hatte trotz des Wetters seinen ganz eigenen Reiz. Alles war ein bisschen grau, ein bisschen nass, ein bisschen abenteuerlich — aber genau dadurch auch besonders. Nicht jeder Reisetag kommt mit Sonne, Glitzerwasser und perfekten Fotos daher. Manche Tage kommen mit Wind im Gesicht, Spritzwasser auf der Brille und dem leisen Verdacht, dass die Regenjacke innerlich aufgegeben hat.
Währenddessen entwickelte Andreas eine ganz eigene Dynamik: Shoppingwahn. Und zwar nicht etwa bei Souvenirs oder hübschen kleinen Dingen, die man später dekorativ irgendwo hinstellt. Nein. Es ging um Nähmaschine, Stoff und alles, was man braucht, um ein Projekt anzugehen, das plötzlich sehr wichtig wurde: die Dinghi-Chaps.
Die ersten Teile waren bereits in Bearbeitung. Und wie das auf Booten so ist, wird aus einer praktischen Idee schnell ein kleines Großprojekt. Stoffe wurden begutachtet, Maße überlegt, Möglichkeiten diskutiert. Unser Dinghi sollte also nicht länger einfach nur Dinghi sein — es sollte eingekleidet werden. Maßgeschneidert, versteht sich. Wenn schon nass werden, dann bitte mit Stil.

So lagen diese Tage irgendwo zwischen Inselidylle, Schildkrötenzauber, ruppiger Überfahrt, nassen Dinghi-Fahrten und einer beginnenden Näh-Revolution an Bord. Nicht alles war perfekt. Das Wetter schon gar nicht. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Die schönsten Reisegeschichten entstehen selten aus perfekten Abläufen.
Sie entstehen aus kleinen Umwegen, nassen Hosen, großen Fischen, guten Begegnungen — und aus Männern, die plötzlich Stoff kaufen, als würden sie eine schwimmende Haute-Couture-Kollektion planen.
Ein paar Fakten zu Guadeloupe:
- Guadeloupe gehört zu Frankreich und ist ein französisches Überseedépartement in der Karibik
- Guadeloupe ist nicht Teil des Schengen-Raums
- Währung: Euro
- Sprache: Französisch, aber auch Guadeloupe-Kreolisch
- Besteht aus mehreren Inselgruppen:
- Basse-Terre
- Grande-Terre
- Marie-Galante
- La Désirade
- Les Saintes
- die Hauptinsel sieht aus wie ein Schmetterling:
- links Basse-Terre (grün, bergig und vulkanisch)
- rechts Grande-Terre (flacher und bekannt für Strände, Lagunen und mehr Trubel)
Reisegedanke-To-Go:
Manchmal zeigt uns das Reisen nicht die perfekte Postkarte,
sondern das echte Leben: Wind im Gesicht, Wellen unter dem Boot,
nasse Hosen im Dinghi und trotzdem dieses stille Glück, genau dort zu sein.
Zwischen Schildkröten, rauer See und kleinen Bordprojekten merkt man:
Abenteuer müssen nicht makellos sein.
Sie dürfen salzig, chaotisch und ein bisschen unbequem sein.
Denn oft sind es nicht die glatten Tage, die bleiben — sondern die, an denen man lacht, obwohl man nass ist.