St. Lucia

Die Überfahrt nach St. Lucia gehörte zu diesen eher seltenen Etappen, bei denen sich alles fast mühelos anfühlt. Der Wind stand gut, konstant genug, um uns zügig voranzubringen, aber sanft genug, dass man sich an Deck einfach zurücklehnen konnte, ohne ständig korrigieren zu müssen. Das Meer war ruhig, nicht spiegelglatt, aber freundlich – als hätte es beschlossen, uns heute einfach durchzulassen.

Je näher wir Rodney Bay kamen, desto mehr veränderte sich die Stimmung. Zuerst unmerklich, dann plötzlich ganz deutlich.

Ananaspflanze

Ein Schwarm Seevögel tauchte auf.

Sie kamen nicht einfach vorbei, sie blieben. Kreisten um das Boot, begleiteten uns, beobachteten jede unserer Bewegungen. Und dann wurde klar, warum. Die fliegenden Fische, die wir mit unserem Bug aufscheuchten, waren für sie wie ein gedeckter Tisch. Immer wieder schossen die Vögel mit einer Präzision ins Wasser, die fast unwirklich wirkte – schnell, elegant, zielgerichtet. Kaum ein Fehlversuch, kaum ein Zögern. Ein kurzer Moment unter der Oberfläche, dann tauchten sie wieder auf, den Fang bereits im Schnabel.

Es war eines dieser stillen Schauspiele, die man nicht kommentiert, weil jedes Wort zu viel wäre. Man schaut einfach. Und bleibt.

Das Ankommen selbst hatte dann wieder etwas Vertrautes. Inzwischen beginnt jeder neue Ort für uns auf die gleiche Weise: mit Formularen, Stempeln und dem leichten Gefühl, erst einmal „anzukommen“, bevor man wirklich ankommt. Es ist fast schon ein Ritual geworden, dieses administrative Eintauchen in ein neues Land, bevor man sich treiben lassen darf.

Erst danach beginnt das eigentliche Erkunden – ohne Plan, eher ein vorsichtiges Annähern, ein erstes Spüren.

Und ziemlich schnell wurde klar, dass St. Lucia für uns weniger durch Orte als durch Begegnungen geprägt sein würde.

Marigot Bay

Die Marina in Rodney Bay ist ein lebendiger Ort, nicht im hektischen Sinne, sondern auf eine offene, durchlässige Art. Überall sitzen Menschen, essen, trinken, erzählen, und es dauert nie lange, bis man selbst Teil davon wird. Gespräche entstehen nicht bewusst – sie ergeben sich. Man setzt sich dazu, tauscht ein paar Worte, und plötzlich sitzt man mitten in Geschichten aus ganz unterschiedlichen Leben.

Dass wir dort auch bekannte Gesichter wieder trafen – unsere Nachbarn aus Mindelo – fühlte sich fast an wie ein Zufall, der keiner ist. Als würde sich die Reise manchmal selbst zusammenfügen.

Rum Destillerie

Besonders intensiv wurde es mit einem deutschen Pärchen, mit dem sofort eine Verbindung da war, die sich schwer erklären lässt. Es passte einfach. Aus einem ersten Gespräch wurden gemeinsame Abende, aus gemeinsamen Abenden entstand Vertrautheit. Wir kochten zusammen, saßen lange draußen, ließen die Zeit verstreichen, ohne sie zu zählen. Und genau darin lag etwas, das wir eine Zeit lang vermisst hatten: Tiefe, die nicht erzwungen ist, sondern entsteht, weil man bleibt.

Blick auf die Pitons

Jeden Freitagabend findet die Friday Night Party in Rodney Bay statt. Die Straßen verändern sich, ohne dass man genau sagen könnte, wann es beginnt. Plötzlich sind überall Stände, Musik liegt in der Luft. Ein buntes Treiben voller ausgelassener Menschen.

Ein „Meerschwein“

Als am 4. Februar unser Gast an Bord kam, verschob sich die Dynamik an Bord ein bisschen. Es ist erstaunlich, wie sehr sich ein Raum verändert, sobald eine weitere Person Teil davon wird. Routinen lösen sich auf, neue entstehen.
Dass plötzlich jemand anderes Brot backt, mag nach einer Kleinigkeit klingen, aber genau in solchen Momenten liegt oft etwas Besonderes. Man tritt einen Schritt zurück, schaut zu, lernt, merkt, dass selbst vertraute Dinge anders sein können, ohne dass sie „falsch“ sind. Vielleicht sogar gerade deshalb.

Schlammbad – mollig warm, aber riecht etwas nach Schwefel

Die Weiterfahrt zur Marigot Bay war kurz, aber eindrücklich. Es ist eine dieser Buchten, bei denen man sofort versteht, warum sie so oft beschrieben wird. Nicht spektakulär im lauten Sinne, sondern ruhig, eingebettet, fast schützend. Was man hier allerdings nicht vergessen darf: Moskitospray – sonst erfreut man sich zahlreicher roter, juckender Punkte.
Abends spielten wir Pool, machten eine Tagestour durch die Insel.

Piton-Falls (warmer Wasserfall)

Als wir am 9. Februar weiter in Richtung Dominica aufbrachen, entschieden wir uns bewusst gegen eine Nachtfahrt. Stattdessen legten wir einen Zwischenstopp auf Martinique ein und ankerten vor St. Pierre.

Auf dem Weg dorthin begleiteten uns plötzlich ein paar Delfine.

Sie tauchten auf, verschwanden wieder, kamen zurück, als würden sie uns für einen Moment in ihre Welt einladen. Es sind diese Begegnungen, die einen jedes Mal aufs Neue berühren, egal wie oft man sie schon erlebt hat.

Ein paar Fakten zu St. Lucia:

  • gehört zu den Kleinen Antillen
  • Hauptstadt: Castries (Nortwestküste)
  • Währung: Ostkaribischer Dollar, US-Dollar wird fast überall akzeptiert
  • Sprache:
    • Amtssprache: Englisch
    • Kreolisch
  • Klima:
    • tropisch warm (ca. 25 – 30°C)
    • Regen meist kurz & knackig
  • Natur & Highlights
    • Die Pitons:
      • UNESCO-Welterbe
      • zwei Vulkanberge direkt am Meer
    • Heiße Schwefelquellen
    • zahlreiche Wasserfälle
  • Flagge:
    • Blauer Hintergrund für Meer und Himmel
    • Schwarze Dreieck für die afrikanischen Wurzeln der Bevölkerung
    • Weiße Dreieck für den europäischen Einfluss
    • Gelbe Bereich für Sonne, Licht und Lebensfreude
    • insgesamt erinnert es die berühmten Vulkanberge, die Pitons
Reisegedanke-To-Go:
Vielleicht sind es gar nicht die großen Highlights, die eine Reise ausmachen.
Nicht die Orte, die man sich vorher markiert hat.
Nicht die Momente, auf die man bewusst hinarbeitet.
Sondern das, was einfach passiert, während man unterwegs ist.
Ein Gespräch, das länger bleibt als geplant.
Ein gemeinsamer Abend, der sich irgendwann nicht mehr nach „neu“ anfühlt.
Ein kurzer Blick aufs Wasser, in dem plötzlich Delfine auftauchen.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität des Reisens:
Dass man lernt, nicht nur das Besondere zu suchen,
sondern das Gewöhnliche tiefer wahrzunehmen.
Und irgendwann merkt man,
dass genau diese Mischung aus Leichtigkeit und Unperfektem
das ist, was bleibt.

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