Am 16.11.2025 hieß es wieder: loslassen. Nach einer Horrornacht. In der Ankerbucht vor Mindelo fegten Böen mit bis zu 42 Knoten über uns hinweg, das Boot riss an der Kette, Schlaf war eher ein theoretisches Konzept. Müde, aber entschlossen starteten wir am Morgen aber unsere Überfahrt.

Die ersten zwei Tage liefen überraschend gut. Nur mit dem Großsegel machten wir ordentlich Strecke, das Boot lief ruhig, fast wie zur Beruhigung nach der anstrengenden Nacht. Als der Wind nachließ, setzten wir zusätzlich die Genua – alles fühlte sich stimmig an. Bis zum 19. November.
Dann dieses Geräusch.
Ein dumpfes, endgültiges „Glonk“.

Ein Blick nach oben – und sofort war klar: Die obere Wante auf Steuerbord war gebrochen. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, da wir das komplette Rigg im März diesen Jahres erst erneuern haben lassen… Aber gut. Wir überlegten kurz. Rund 400 Seemeilen lagen hinter uns, etwa 1.600 noch vor uns. Vorwärtsfahren mit geschwächtem Mast? Möglich, aber wir entschieden uns dagegen. Also, kehrten wir um zurück nach Mindelo, um das Rigg nochmal prüfen und die Wante erneuern zu lassen.
Die Rückfahrt war… sagen wir: lehrreich. Emotional, körperlich, mental. Nicht nur, weil wir plötzlich wieder in die falsche Richtung unterwegs waren, sondern weil wir gegen Wind und Welle motorten – mit angeschlagenem Rigg, wenig Spielraum und wachsender Müdigkeit.
Und eine Frage begleitete uns ständig:
Reicht der Diesel?
Diese Frage hing wie ein grauer Schleier über den nächsten Tagen – begleitet von einer spürbar gedrückten Stimmung. Am dritten Tag dann ein kleiner Hoffnungsschimmer: Andreas entdeckte ein Boot auf dem AIS, das unseren Kurs kreuzen würde. Er funkte es an, erklärte unsere Situation – beschädigtes Rigg, Diesel fast leer – und fragte, ob sie uns aushelfen könnten.
Nach kurzer Rücksprache kam die Antwort: Ja.
Was folgte, war pure Seefahrt. Keine Show, kein Drama – sondern echte Seemannschaft.
Die Übergabe war… sagen wir: aufregend. Eine große Luxus-Motoryacht, wir mit unserem Boot, Wind, Welle, Spannung in der Luft. Andreas band das Dinghi an, stieg ein, ließ sich an langer Leine achteraus treiben. Die Motoryacht fuhr langsam rückwärts heran. Ich hielt unser Boot so gut es ging im Wind.
Das Ganze dauerte eine Weile. Ich hätte es filmen sollen. Wirklich. Aber ich war mit allem beschäftigt – nur nicht mit dem Handy. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen echten Momenten und Social Media.
Am Ende bekamen wir vier Kanister Diesel. Andreas kam wieder an Bord – fast unversehrt, nur zwei Finger ordentlich gequetscht. Wir bedankten uns aus vollem Herzen per Funk und wünschten ihnen noch eine gute Überfahrt in die Karibik.
Mit nun ausreichend Diesel im Tank und etwas mehr Ruhe im Bauch liefen wir am 24.11. vormittags wieder in Mindelo ein.


Die Reparatur war – kapverdisch.
Alles lief, alles klappte. Aber ohne Eile. Jeden Tag ein bisschen. Für unser deutsches Effizienzdenken eine echte Übung in Gelassenheit. Doch am Ende war alles richtig gemacht: Das gesamte Rigg wurde geprüft, beide oberen Wanten ersetzt und auch das Vorstag getauscht – es war auch schon deutlich angeschlagen.

Wir kauften erneut Proviant, tankten wieder auf.
An der Tankstelle kamen wir mit einem anderen Segler ins Gespräch. Auch sie wollten nach Barbados – zwei Tage später. Wir tauschten Nummern, trafen uns in der Ankerbucht wieder und starteten gemeinsam dann die große Überfahrt.
Reisegedanken-To-Go:
Manchmal reißt nicht nur ein Draht am Rigg.
Manchmal reißt die Vorstellung davon, wie eine Reise zu laufen hat.
Dann bleibt nur das, was wirklich trägt:
Vertrauen, Verbundenheit, der leise Mut, trotzdem weiterzugehen
und dieses stille Wissen, dass der Weg sich nicht verliert –
sondern einfach nur neu formt.