Frankreich

Am Samstag, den 19.07.2025, sind wir in Dunkerque (Dünkirchen) eingelaufen. Die Überfahrt von Zeebrugge war anfangs absolut entspannt – fast schon chillig. Kaum Wind, glatte See, also raus mit dem Spinnaker! Und siehe da: Wir kamen trotz der Leichtwindlage ganz gut voran.

Aber die Nordsee wäre nicht die Nordsee, wenn sie sich nicht kurz vorm Ziel nochmal spektakulär umziehen würde: Etwa zwei Stunden vor Dunkerque frischte es plötzlich ordentlich auf – bis zu 30 Knoten Wind. Spinnaker? Keine gute Idee mehr. Also runter damit, und mit Großsegel durchgezogen. Zum Schluss war’s dann doch noch sportlich – aber: wir sind da!

Dünkirchen – Dunkerque

Blick über den Hafen auf Mairie de Dunkerque

Wer heute durch die Gassen von Dünkirchen schlendert oder über die weiten Strände blickt, ahnt kaum, welch dramatische Geschichte sich genau hier im Frühjahr 1940 abgespielt hat.
Die Rede ist von der legendären Evakuierung von Dünkirchen – auch bekannt als Operation Dynamo.

Stell dir vor:
Hunderttausende alliierte Soldaten – vor allem Briten, Franzosen und Belgier – sitzen am Strand fest. Eingekesselt von der deutschen Wehrmacht. Der Rückzug scheint unmöglich. Hoffnung? Fast null.

Und dann passiert das Unfassbare:
Zwischen dem 26. Mai und 4. Juni 1940 gelingt es, über 338.000 Soldaten über den Ärmelkanal zu evakuieren – viele davon nicht mit großen Kriegsschiffen, sondern mit Fischerbooten, Yachten, kleinen Dampfern. Zivilisten setzen über, steuern direkt in die Gefahrenzone.

Diese waghalsige Rettungsaktion ging als „Wunder von Dünkirchen“ in die Geschichte ein.
Nicht nur wegen der Zahlen, sondern wegen dessen, was sie symbolisiert:
Mut, Zusammenhalt, Menschlichkeit – selbst im Angesicht des Schreckens.

Heute erinnern Museen, Gedenktafeln und der berühmte Spielfilm „Dunkirk“ von Christopher Nolan an diese Tage. Aber am eindrücklichsten bleibt:
Der Blick aufs Meer, wenn du am Strand stehst – und weißt, dass sich hier Geschichte geschrieben hat.




Zwischenetappen

Eigentlich sollte es nach dem letzten Wetter-Stopp am Dienstag ganz entspannt weitergehen – Tagesetappen waren geplant: Boulogne-sur-Mer, Dieppe, Fécamp. Doch wie das so ist beim Segeln: Der Wind entscheidet. Und der hatte ganz eigene Vorstellungen.

Alabasterküste (erstreckt sich von Le Havre bis Le Tréport)

Kaum los, schon wieder gestoppt. Boulogne-sur-Mer war unser Ziel – aber der Wind dachte sich: „Nö, ihr fahrt jetzt schön nach Calais.“ Also machten wir einen spontanen Zwischenstopp dort. Problem: Der Hafen hat seine ganz eigenen Öffnungszeiten, nämlich: nur in einem Zeitfenster um die Flut herum.

Also dümpelten wir an einer Muringboje im Vorhafen herum und warteten auf die Brückenöffnung. Es gab keine klaren Infos vom Hafenmeister. Laut unseren Infos mussten wir 2,5 Stunden warten. Andreas las oben in aller Seelenruhe, ich machte unten den Abwasch (Romantik ahoi!). Plötzlich kam er runter und meinte:
„Da tut sich was oben.“

Und tatsächlich: Wie durch Zauberhand waren plötzlich mehr Boote da. Wir gucken uns an – Moment mal…

Ja, richtig geraten: Wir hatten die Öffnung verpasst.
Die Boote vom Hafen raus waren durch – nur wir und alle anderen, die rein wollten, standen noch. Komisch… Tja, dann eben eine Nacht im Vorhafen von Calais. Auch schön. Irgendwie. Hatten zumindest Blick auf ein paar Fahrgeschäfte von einem Rummel.

Boulogne-sur-Mer – die „so lala“-Etappe

Am nächsten Morgen ging’s dann wirklich weiter nach Boulogne-sur-Mer. Die Fahrt? Mäh. So lala. Kein Drama, kein Glanz. Irgendwo zwischen „naja“ und „hoffentlich bald da“. Aber immerhin: Ziel erreicht.

Von Boulogne-sur-Mer nach Dieppe – endlich Segelfreude! (Fast.)

Endlich! Die nächste Etappe lief richtig gut. Sonne, Wind, Laune – alles da. Bis das Funkgerät sich meldete:
„Bitte Gebiet XY meiden, Windpark-Arbeiten.“

Windpark? Welcher Windpark? In unserer Karte stand nichts, in der Realität war nichts zu sehen. Wir entschieden uns (wohl ein bisschen übermütig), die Ansage zu ignorieren. Fehler. Kurz darauf kam die Erinnerung vom Funk – diesmal mit etwas mehr Nachdruck.

Also gut, Kursänderung. Nur blöd, dass die so gar nicht zu unserer Richtung passte. Der schöne Wind? Weg. Die Stimmung? Etwas gesunken.

Als ob das nicht reicht, zogen etwa 1,5 Stunden vor Dieppe Regen und böiger Wind auf. Perfekt fürs Finale, nicht wahr? Aber hey – wir kamen sicher an. Nass, aber heil.




Fécamp

Strand mit Blick auf Hafeneinfahrt

Am 25.07.2025 segelten wir weiter nach Fécamp. Und diese Etappe? Unspektakulär ruhig. Fast langweilig – aber nach den letzten Tagen genau das, was wir gebraucht haben. Kein Drama, keine Umleitungen, kein Funk-Gemecker. Einfach nur Wasser, Wind und der Blick nach vorn…

Fécamp liegt malerisch eingebettet zwischen hohen Kreidefelsen an der Alabasterküste – ein charmantes Hafenstädtchen mit rauem Flair und viel Geschichte. Früher ein bedeutender Walfanghafen, heute eher gemütlich und maritim-romantisch. Besonders bekannt: der Benediktinerlikör, der hier in einer pompösen Abtei-Distillerie im Architektur-Stil der Gotik und der Renaissance gebraut wird.

Palais Bénédictine

Der Hafen ist gut geschützt, die Altstadt fußläufig super erreichbar.

Hafen bei Ebbe



Le Havre

Von Fécamp nach Le Havre – Ankommen gegen die Strömung

Nach der ruhigen, fast meditativ entschleunigten Etappe nach Fécamp hatten wir kurz die Illusion, dass jetzt vielleicht eine Phase der sanften Überfahrten beginnt. Wind von hinten, Sonne im Gesicht, alles easy.
Aber wie so oft beim Segeln: Das Meer hatte andere Pläne.

Die Fahrt nach Le Havre war… durchwachsen.
Unangenehm hohe Wellen, kräftige Strömung, dazu ein sehr dicke, graue Wolken und immer mal wieder kurzer Regenschauer. Es war keine Etappe, die man einfach nebenbei segelt. Es war eine, bei der man präsent bleibt, mitarbeitet, durchhält. Nicht dramatisch, aber fordernd.
Und genau deshalb war das Ankommen auch so ein kleines, stilles Fest für sich.

Le Havre – eine Stadt mit rauem Herz und weitem Blick

Blick auf die St. Josephs Kirche

Der Hafen von Le Havre gehört zu den wenigen in dieser Region, die tidenunabhängig angelaufen werden können – ein echter Vorteil nach einer Etappe. Kein Warten, kein Taktieren – einfach ankommen dürfen. So herrlich unkompliziert.

Gleich neben dem Hafen: ein weitläufiger Stadtstrand. An diesem Tag voller Leben. Spaziergänger, Kinder mit Eistüten, Musik aus der Ferne. Offenbar fand da gerade ein kleiner Rummel statt – mit Lichtern, Buden, Karussell. Nach dem Grau auf See wirkte dieses bunte Treiben fast surreal. Und gleichzeitig tröstlich.

Le Havre selbst? Nicht unbedingt ein Postkartenidyll.
Breite Straßen, viel Beton – wenig Romantik auf den ersten Blick. Und doch trägt die Stadt etwas Besonderes in sich. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie komplett neu aufgebaut – im Stil des Architekten Auguste Perret, der mit klarer Struktur und viel Sichtbeton eine moderne Stadt schuf. Heute ist genau das UNESCO-Weltkulturerbe.

La Catène
Gold coast (Kunstwerk)

Le Havre zeigt: Schönheit liegt nicht immer im Offensichtlichen. Manchmal muss man sich auf einen Ort einlassen, um zu spüren, was in ihm lebt.
Und irgendwie scheint der Zauber der Reise zu sein: Offen zu bleiben für das, was kommt. Egal, wie es es sich zuerst anfühlt.

Von Le Havre nach Cherbourg – zäh, länger, nächtlich

Ein Tag und eine Nacht waren wir unterwegs – von Le Havre bis Cherbourg. Klingt nach Abenteuer, war aber eher… zäh. Der Wind hielt sich zurück, die Stunden zogen sich, und irgendwann verschwimmen Zeit und Strecke zu einem einzigen graublauen Teppich.

Cherbourg empfängt uns – mit Segelglanz
Kaum angekommen, fiel sofort auf: Hier war gerade Rolex Fastnet Race-Stimmung. Ein paar schicke Rennboote im Hafen, ein paar Ausstellerstände, Musik in der Luft. Alles nett anzusehen, ein bisschen Regatta-Flair zum Mitnehmen.

Aber ganz ehrlich:
Cherbourg selbst – zumindest der Teil rund um den Hafen – hat bei uns keinen Schönheitspreis gewonnen. Grau, wenig Charme, irgendwie austauschbar. Darum gibt’s zu diesem Aufenthalt auch nicht mehr Worte als nötig. Manchmal ist ein Hafen eben nur Durchgangsstation.

Reisegedanke-To-Go:
Nicht jeder Ort muss dich verzaubern, um wichtig zu sein. Manche Etappen sind einfach nur Brücken zwischen den Momenten, die dich zum Staunen bringen. Aber genau diese Übergänge machen die Reise rund – weil sie dir zeigen, wie sich „Highlight“ überhaupt anfühlt.

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