St. Vincent & die Grenadinen

Flagge von St. Vincent & die Grenandinen

Die Fahrt von Barbados nach St. Vincent und den Grenadinen war als Nachtfahrt geplant. Denn wir haben entschieden, dass es sinnvoll ist, die Bucht und alles was sich manchmal so dort versteckt zu sehen.

Als wir nachmittags ablegten, fühlte sich alles klar an. Der Kurs war gesetzt, die Karten studiert, das Wetter geprüft. Ich liebe diesen Moment des Losfahrens – dieses „Jetzt beginnt etwas neues“. Gleichzeitig liegt immer ein Hauch Respekt in der Luft. Denn das Meer ist kein Versprechen. Es ist eine Einladung.

Mit Einbruch der Dämmerung veränderte sich die Stimmung. Die Farben verschwanden, das Wasser wurde schwarz, nur der Horizont blieb als dünner, silbriger Streifen. Und dann kam die Welle.

Nicht gefährlich. Aber anstrengend.

Stundenlang rollte sie von der Seite. Immer wieder und wieder. Das Boot schaukelte nicht romantisch – es arbeitete. Und wir mit ihm. Dazu immer wieder mal ein kurzer Schauer, der auf uns niederprasselte. Irgendwann fragte ich mich: Warum fühlt sich das Meer nachts eigentlich immer größer an?
Und gleichzeitig wusste ich die Antwort:
Weil es uns unsere eigene Größe spüren lässt. Und unsere Kleinheit.

Irgendwann in dieser Dunkelheit merkte ich, wie ich etwas ruhiger wurde. Man kann sich gegen die Bewegung wehren – oder mit ihr gehen. Also ging ich mit ihr. Lauschte dem Rhythmus. Spürte das Salz auf der Haut und dachte: Genau dafür sind wir los.

Am 22. Dezember liefen wir am Vormittag in Bequia ein. Als die Sonne die Bucht in warmes Licht tauchte, war die Nacht plötzlich weit weg. Das Wasser glitzerte so unschuldig, als hätte es nie geschaukelt. Ich musste lächeln. Das Meer hat wohl Humor.
Wir schnappten uns eine Boje und machten den Motor aus.
Ankommen, kurz durchatmen.


Wie in jedem neuen Land begann auch hier das Bürokratie-Ritual: Immigration, Formulare, Stempel. Bürokratie kennt offenbar keine Klimazone.
Danach schlenderten wir durch den kleinen Ort.
Ein paar Besorgungen, ein bisschen schauen, ankommen.
Viel mehr gab es erstmal nicht zu tun. Die Läden? Sagen wir: funktional. Minimalistisch.

Petit Nevis

Dann weiter zu einer kleinen, unbewohnten Insel (Petit Nevis). Ein schmaler Strand, türkisfarbenes Wasser, dieses Gefühl, als hätte jemand die Welt für einen Moment auf „Pause“ gestellt. Wir spazierten herum, tranken Rumpunsch aus der Dose und blickten auf ein atemberaubend schönes Panorama.

Eine seltene „Strandrose“
Petit Nevis

Und doch: Zwischen all der Schönheit zeigten sich die Narben des Hurrikans. Nicht zerstörerisch dramatisch – aber sichtbar. Umgestürzte Bäume. Verwundete Natur. Ein leiser Hinweis darauf, wie fragil selbst das Paradies ist. Und ich fragte mich: Wie oft bauen wir Dinge auf, nur damit das Leben sie neu sortiert?
Die nächste geplante Insel war unmöglich – der Wind hatte mal wieder andere Pläne mit uns. Früher hat mich das frustriert. Jetzt denke ich nur noch: Ok, dann halt anders. Vielleicht ist das der größte Luxus am Segeln – zu lernen loszulassen. Also, änderten wir unser Vorhaben und fuhren nur auf die andere Seite von Bequia in eine kleine Bucht, in der wir einigermaßen gut geschützt lagen. Es gab einen kleine Sandstrand und viel Platz, um mit dem SUP rumzupaddeln.

Silvester verbrachten wir schließlich auf Young Island bei St. Vincent. Eine Bucht wie aus dem Bilderbuch. Touristisch – ja – aber wirklich traumhaft.
Wir hatten auch ein richtig schönes Erlebnis hier. Und zwar hatten wir ja schon eine Weile ein Problem mit unserer Lichtmaschine (sie hat Strom gezogen, statt zu produzieren) und so suchten wir hier jemanden, der uns das ganze reparieren kann.
Also liefen wir zu einem Laden und fragten nach. „We don’t fix anything“.

Young Island Blick aufs Land


Und genau in diesem Moment begann die Geschichte.

Der Ladenbesitzer rief einen Mann heran. Ein paar Sätze im lokalen Dialekt, ein Nicken, ein Schulterzucken – und plötzlich hieß es: „He will take you.“
Wir sahen uns an. Zuckten innerlich kurz.
Und folgten dem Mann zu seinem Auto.
Das Auto war alt. Nicht charmant-alt, sondern wirklich-alt. Der Innenraum roch nach Hitze und Geschichte. Unser Fahrer stellte sich als Floyed vor. Ruhige Stimme. Sehr freundliche Augen. Selbstverständliche Hilfsbereitschaft.
Wir fuhren durch enge Gassen, vorbei an Häusern, die in keinem Reiseführer auftauchen würden. Das echte St. Vincent – nicht die Postkarten-Version.

Station eins: Falsche Adresse – wir wurden weitergeschickt.
Station zwei: Auch nicht richtig – auch hier wurden wir weitergeschickt.
Station drei: Treffer.

Es war keine Werkstatt, sondern ein Privathaus. Und das klingeln war auch interessant: Floyed rief über die Straße zu dem Haus rüber. Eine Frau steckte den Kopf zum Fenster raus – kurzes Gespräch, Frau telefonierte und dann kam die Antwort: Kommt rein, er braucht ca. 20 Minuten bis er da ist (der Mechaniker).
Wir warteten auf dem Balkon des Mechanikers in Gesellschaft seiner Frau und seiner Schwester bei einem Glas Kokosnusswasser. Wir sprachen übers Segeln, das Leben hier. Es wurde gelacht. Es fühlte sich weniger wie ein Werkstatttermin an, mehr nach einem zufälligen Besuch bei entfernten Verwandten.
Irgendwann traf der Mechaniker dann ein und meinte, er gibt uns in 2 bis 3 Stunden Bescheid, was Sache ist. Floyed fuhr uns wieder zurück und bestand darauf, dass wir ihn am nächsten anrufen sollen, wenn wir einen Fahrer brauchen. Total hilfsbereit und freundlich.
Naja – die Uhren laufen hier ein bisschen anders und so bekamen wir gegen frühen Nachmittag des Folgetages die Info, dass die Lichtmaschine repariert sei. Die Kohlebürsten waren hinüber.
Abends fuhr er sie uns dann noch vorbei an den Steg.
Das ganze war kein großes Abenteuer, aber eine sehr schöne ehrliche Begegnung.

Die Bar in Mustique


Von dort aus segelten wir im neuen Jahr weiter nach Mustique – glasklares Wasser, Palmen und ein Hauch von Luxus. Es gab eine schöne Bar direkt am Strand. Diese stellte sich aber mehr Schein als Sein heraus. Cocktails waren gut, das Essen kam nach einer Stunde kalt an, total überteuert und lustloses Personal… Hier zahlt man offenbar für die Illusion.

Eine große Schildkröte beim Straßeüberqueren

Am 05.01.26 klarierten wir dann in Bequia aus. Und mussten feststellen, sonntags zahlt man extra – Feiertagszuschlag. Tja, man lernt nie aus.

Als nächstes stand Martinique an. St. Lucia überspringen wir vorerst, weil wir im Februar einen Gast in St. Lucia aufnehmen wollten.

Ein paar Fakten zu dieser Inselgruppe:

  • Hauptinsel ist St. Vincent und 32 kleinere Inseln gehören dazu
  • Hauptstadt: Kingstown
  • Unabhängig seit 27. Oktober 1979
  • Währung: Ostkaribische Dollar
  • La Soufrière (1.234 m) – aktiver Vulkan, letzte größere Eruption 2021
  • üppiger Regenwald
  • Berühmt sind die Tobago Cays – türkisfarbenes Wasser, Meeresschildkröten, Korallenriffe
  • ganzjährig warm, tropisches Klima (Ø 25–30 °C)
  • Beste Reisezeit ist wie fast die ganze Karibik von Dezember bis Mai (Trockenzeit), danach Hurrikansaison
  • Bedeutung der Flagge:
    • blau für Himmel & das karibische Meer
    • gelb für Sonne & Wärme
    • grün für die üppige Vegetation
    • die drei grünen Rauten bilden ein „V“, das für Vincent steht; „Juwelen der Antillen“
    • die heutige Flagge besteht seit 1985
Und ein Sonnenuntergang darf nicht fehlen 🙂
Reisegedanke-To-Go:
Vielleicht sind es nicht die perfekten Strände, die uns verändern – sondern die Momente dazwischen.
Die Nachtfahrt, in der man lernt, dass Kontrolle eine Illusion ist – aber Vertrauen trägt.
Der Wind, der Pläne verschiebt – und uns beweglicher macht als unser Ego.
Die kaputte Lichtmaschine, die uns zeigt, dass Probleme oft nur Türen zu Begegnungen sind.
Reisen lehrt nicht Orte. Es lehrt Haltung.
Mit den Wellen gehen, statt gegen sie kämpfen.
Umwege annehmen.
Zeit nicht messen – sondern erleben.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Freiheit:
Nicht alles im Griff zu haben.
Und trotzdem mutig loszufahren.

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